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Tiefe Bauchatmung


Gestern war wieder einer dieser Abende, an denen ich dankbar war, im Geburtsvorbereitungskurs die tiefe Bauchatmung gelernt zu haben.

Schulelternbeiratssitzung.

Viele wichtige Mütter und Väter, die in ihrer Eigenschaft als Elternbeiräte zusammengetrommelt wurden, um den Vorträgen des Schulleiters und der Elternbeiratsvorsitzenden zu lauschen.

Die Tagesordnung war völlig harmlos und gab mir Hoffnung, die ganze Chose in weniger als zwei Stunden abhaken zu können:

Begrüßung und Bestätigung der Themen

Protokoll der letzten Sitzung

Bericht der Schulleitung

Bericht der Schulelternbeirätin

Verschiedenes

Okay, die Beiträge waren informativ und in Ordnung, aber dann immer die anschließenden Diskussionen.

Der Schulleiter berichtete, dass er glücklich und zufrieden sei, dass nunmehr die Wahl der 2. Fremdsprache (ab der 6. Klasse) bereits bei der Anmeldung (also in der 4. Klasse) getroffen würde. Die meisten Eltern wüssten ja doch, welche 2. FS ihr Kind wählen sollte würde und sie hätten bislang nur 2 Umentscheidungen in der 5. Klasse gehabt. Es würde aber somit ermöglicht, die „Franzosen“ und „Lateiner“ in jeweils eigenen Klassen zusammenzufassen und so die Unterrichtsplanung erleichtern. Er hätte das schon länger geplant und sei froh, dass er sich nun damit habe durchsetzen können.

Da gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Aber weit gefehlt: Eine Mutter hob die Hand, begann mit den Worten „Also, ich verstehe ja gar nicht, wieso das ein Problem gewesen sein kann!“ und hob zu einem Vortrag an, wie ihre Eltern damals (14/18 in den Ardennen) auch bereits beim Eintritt aufs Gymnasium alles festlegen mussten und sie sei ja fassungslos und blabla und überhaupt… Nach mehrminütigem Monolog, den aus welchen Gründen auch immer niemand unterbrach, konnten wir dann zum nächsten Punkt übergehen.

Die Schulelternbeirätin möchte für die 9. und 10. Klassen „Unterricht am Autowrack“ vorschlagen. Eine gute Idee, wie ich finde. Aber sofort wurden hier wieder die Stimmen laut. „Da fällt ja dann wieder Unterricht aus!“ – „Ja, und wir haben doch jetzt das Landesabitur!“ (Oh, sicher, aber nicht in der 9. Klasse. Und in der 10. auch nicht.) – „Was soll denn Schule noch alles leisten?“ und bei der Beschreibung, dass die Jugendlichen dort simulierte Alkoholfahrten unternehmen, wurden schon Bedenken laut, ob man denen da denn etwa was zu trinken gäbe? Hallo?! Klar, die werden alle mit Kleinem Feigling abgefüllt und dann dürfen sie das Auto des Schulleiters übern Hof fahren. Wie blöd sind eigentlich manche? Und dann trauen die sich auch, so etwas öffentlich zu fragen!

Und das Genöle wegen des Unterrichtsausfalls geht mir langsam sehr auf den Senkel. Zum einen hält es sich bei uns in den normalen Grenzen und zum anderen denke ich, dass so ein Tag mal zu verschmerzen ist. Notfalls sollen die Damen und Herren Gymnasiasten mal die Nase in ein Buch stecken und selber was lesen. Ich frage mich auch, ob die Kinder das auch so dramatisch sehen oder ob sich da einfach nur ein paar Eltern wichtig machen. Klar freut sich jedes normale Kind über gelegentlichen Schulausfall und auch wir hatte früher unsere Freistunden und haben auch einen Schulabschluss erreicht.

Überhaupt ist ja das Landesabitur so ein Reizwort. Hier in Hessen gibt es das seit drei Jahren und es wird so getan, als sei es direkt im Vorhof der Hölle ausgedacht worden, um möglichst vielen SchülerInnen den Weg zur Reifeprüfung zu verbauen. Sorry, aber ich habe mein Abitur in Baden-Württemberg gemacht und da gab es noch nie etwas anderes. Und nun? Kein Hahn kräht dort danach!

Aber weiter im Text: Unser Gymnasium liegt am Ende einer Sackgasse und früh morgens ist in dieser Straße der Teufel los. Alle LehrerInnen und OberstufenschülerInnen, die mit dem Auto kommen, alle RadfahrerInnen, alle SchülerInnen, die von der Bushaltestelle oder dem Bahnhof kommen, alle zwängen sich durch diese Straße. Gegenüber unserer Schule liegt noch eine Grund-, Haupt- und Realschule, so dass jeden Morgen ca. 2500 Menschen dort unterwegs sind. Und ein nicht unerheblicher Teil der Kids wird von Mama oder Papa bis vor die Tür gefahren. Und sobald Der hoffnungsvolle Sprössling das elterliche Gefährt verlassen hat, mutieren die Eltern zum Asphalt-Rambo und fahren wie die Henker. da wird nicht geschaut, ob da noch Kinder die Fahrbahn überqueren oder Radfahrer unterwegs sind. Nein, nix wie rückwärts raus aus der Parklücke, ohne Rücksicht auf Verluste. Es gäbe jede Woche einige „Near Misses“. Es wurde also gebeten, dass wir Elternbeiräte „unsere“ Eltern darauf aufmerksam machen möchten, dass die Kinder, so sie nicht ein Gipsbein oder ähnliches haben, doch bitte am Anfang der Straße abgesetzt werden und die letzten 200 m zu Fuß gehen sollten. Kein unvernünftiger Wunsch. Hätte man jetzt einfach hinnehmen können. Aber jetzt zeigten sich die vielfältigen verkehrsplanerischen Begabungen der versammelten Eltern bei der Entwicklung von Problemlösungsstrategien. Schülerlotsen. Schranken an der Einfahrt. Ampeln. Zebrastreifen. Einbahnstraßenregelungen (morgens nur rein, mittags nur raus!!!!). 15 Minuten wurde darüber diskutiert. Das liegt doch nun wirklich nicht in der Hand der Schulleitung! Und was ist denn so Schlimmes daran, wenn der Spross notfalls das Stück laufen muss? Reden um des Redens willen ist mir schon sehr lästig, stelle ich fest!

Letzte Woche wurde ein Junge auf dem Schulhof potenziell verletzt, weil SchülerInnen aus dem Gebäudeinneren mit einem grünen Laserpointer auf ihn ge“pointet“ haben und der Strahl ins Auge ging. Erst in drei Wochen kann endgültig gesagt werden, ob er Schäden davon getragen hat oder nicht. Die Schuldigen konnten nicht ermittelt werden. Es soll nun das Mitbringen und Verwenden von Laserpointern zu „Spielzwecken“ untersagt werden. Für Präsentationszwecke seien Laserpointer an der Schule vorrätig. Die Elternbeiratsvorsitzende wollte uns einfach darüber informieren, damit wir diese Infos an die Eltern weitergeben.

Auch hierzu gab es wieder lange aufgeregte Diskussionen und es bildeten sich zwei Lager: „Weg mit den Laserpointern!“ und „Freiheit für die Laserpointer!“ Ich hatte stellenweise wirklich das Gefühl, einer Sitcom beizuwohnen, nur dass niemand lachte… „Man kann den Kindern doch nicht alles verbieten!“ (Nee, klar, was sollen die armen Hascherl denn alternativ in der Pause machen? Sich mit gespitzten Bleistiften in die Augen pieksen?) „Woher sollen die denn wissen, dass das gefährlich ist?“ (Ähm, weil sie a) Physikunterricht haben, b) diesen Produkten Warnhinweise beiliegen, c) ihr tollen Eltern es ihnen sagt? Ihr habt den Scheiß doch vermutlich auch gekauft!) Ich wusste auch nicht, dass es gefährlich ist!“ (Tja, aber Dummheit schützt nun einmal vor gar nichts. Nicht mal vorm Kinderkriegen…) „Die Kinder müssen eben morgens in der Schule kontrolliert werden. Sonst könnten wir ja gleich Waffen erlauben!“ (Ja, genau! Kontrolliert ihr mal alle eure Kinder! Ist nämlich eure Aufgabe!)

Und zuletzt (ich war schon sehr genervt!) gab es noch Zoff, weil die Schule keinen Schüleraustausch mit der Türkei anbietet. Hier war dann auch die „Was muss denn Schule noch alles leisten?“-und-„Da fällt ja dann wieder Unterricht aus!“-Fraktion auf den Barrikaden, aber pro-Schüleraustausch! Denn schließlich habe die Schule ja auch den Auftrag, für Sozialkompetenz und Weltläufigkeit (???) zu sorgen und wenn die Kinder sich später einmal bewerben würden, dann sähe so etwas ja immer sehr gut aus.

Mal ehrlich: Das oben erwähnte Autowrack kann ich nicht mal eben einzeln buchen! Auch nicht für ’nen Kindergeburtstag. Aber wenn ich der Meinung bin, dass mein Kind vom Austausch mit der Türkei profitiert (was man ja auch noch bezweifeln kann), dann suche ich mir einen Anbieter, der solche Ferien anbietet! Und reisen kann ich auch in jedem Urlaub mit dem Kind! Aber nein, es muss ja eine schulische Veranstaltung sein! (Ich persönlich käme nicht wirklich auf die Idee, mein Kind zum Austausch in die Türkei zu schicken… Sollen sie doch nach Berlin-Kreuzberg fahren! So viel Türkei ist nirgends. Nicht einmal in Istanbul!)

Ich war auf jeden Fall heilfroh, dass nach 2,5 Stunden die Veranstaltung sich ihrem Ende zuneigte. Und ich frage mich ernsthaft, ob ich im nächsten Jahr noch einmal als Elternbeirätin kandidiere… Und warum ich immer ganz anders denke als die anderen…

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  1. 30. April 2009 um 17:13

    Allein das zu lesen macht mich ja mit aggressiv.
    Ich weiß noch wie ätzend das bei uns alles immer war…

    Ich bin halt mit der „Bildungspolitik“ in NRW besser vertraut, aber da ist es genau so furchtbar. Barbie Sommer ist bei den Lehrern ne Lachnummer! (Ich war damals in einige Fachkonferenzen..)

    Unterrichtsausfall ist ja schon blöd, aber mal hier oder da n Stündchen macht auch nix. Vor allem, weil die Vertretungslehrer eh meist Hausaufgaben oder „Stillarbeit“ (=Malen, Zettelchen schreiben, Musik hören) machen lassen. Vielleicht schieben sie der Klasse auch n Film rein.
    Aber, Unterricht macht da kaum einer. Nur bei langfristigen Vertretungen.
    Und wenn mal ne Stunde ausfällt, dann freuen sich die Schüler. Das braucht man in der Schule nämlich auch mal.

    Ich bin froh, dass wir uns jetzt selbst um diversem Kram kümmern und im direkten Kontakt mit Dekanat und Co stehen…
    Die meisten Eltern in diesen Räten haben mal GAR keine Ahnung von dem, was Schülern gut tut oder nicht. Was einem da für Geschichten erzählt werden…

    Ich hab damals am Tag der offenen Tür immer die 4. Klässler + Eltern durch die Schule geführt und was da teilweise für Fragen kamen, das ging einfach gar nicht…

  2. Frau Argh
    30. April 2009 um 20:00

    oh mein gott…
    ich schließe mich mal was die aggressionen angeht meiner vorrednerin an oO
    1. ich ging im schönen niedersachsen zur schule
    2. ich durfte noch die orientierungsstufe genießen
    3. ich musste mich erst in der 7. klasse für französisch oder latein entscheiden
    4. mindestens einmal im schuljahr gab es eine tolle veranstaltung von ADAC/polizei/rotem kreuz zu autounfällen/alkohol/drogen/aids
    5. ich habe ein stink normales abitur mit ohne zentral und allem gemacht

    und trotzdem habe ich nen abschluss…unglaublich, was? sogar an der unität…

    ach ja…unterricht ist bei uns auch oft genug ausgefallen und niemanden hat es wirklich gestört. bei langfristigen ausfällen – heißt der mathelehrer hat sich nen schweren beinbruch zugezogen – haben wir einen vertretungslehrer bekommen, der dann auch „echten“ unterricht gemacht hat und sonst gabs das was silberblut schon sagt.

    türkeiaustausch is ja mal der hammer…dann aber auch bitte türkisch als 3. fremdsprache für jeden verpflichtend ab der 5. klasse!!! jawoll…

  3. 1. Mai 2009 um 11:05

    Zum Türkeiaustausch…
    Meine alte Schule hat da – nachdem meine Stufe die 1-Wöchige Englandfahrt in der 9. gekippt hat *gnihi* – son Projekt mit mehreren Schulen in Europa aufgebaut.
    Es findet also ein Austausch nach Spanien, Italien, Holland, Türkei, Polen, Rumänien, Norwegen, Schweden und wasweißich wohin statt.

    Da ist dann für eine Woche die Jahrgangsstufe 9 auf verschiedene Länder aufgeteilt. Überall gehen nur so 10-20 Schüler hin. Plus Lehrer und Betreuender Oberstufenschüler.

    Find ich eigentlich ganz cool…

    Was Latein und Franze anging… Das durften wir nach einer Informationsveranstaltung, auf der Lehrer und Fächer vorgestellt wurden, dann Ende der 6. selbst entscheiden. Fand ich eigentlich gut so.
    Ebenso war´s Ende der 8.
    Da gings darum, ob man Spanisch, Französisch (für Lateiner), Latein (für „Franzosen“), Informatik oder Naturwissenschaften (ein Zusammenfassendes Fach) belegt.

    Fand ich eigentlich ganz gut, die Fächer erst vorzustellen und die Schüler dann selbst entscheiden zu lassen.

  4. 4. Mai 2009 um 10:19

    also ich finde das mit der einbahnstrasse ja zu geil. an der schule, an der ich erleuchtet habe, war null platz. das ding stand mitten in einem wohngebiet und drumrum nur häuser mit alten leuten. wenn dann mal gemeinderatssitzung war, war unsere schule IMMER streitpunkt. sie muss weg (is klar … und die 930 kinder werden mal kurz verteilt auf andere schulen), man darf da nciht mehr mit dem auto rein (auch klar … ich schlepp als lehrer mein ganzes material nen kilometer weit zur schule), die kinder machen dreck und lärm (andere kamen ja bereits als vernünftige und stubenreine erwachsene auf die welt … jaja …) blablubberblubb. letztendlich wurde ein absolutes halteverbot in den strassen um die schule verhängt … was die mamas nicht davon abhielt die kinder fast schon bis ins schulhaus zu fahren. (das werde ich eh nie verstehen!)

    aber gut … nachdem das mit den autos auch nicht wirklich was gebracht hat, hat ein schüler angeblich eine kippe in einen vorgarten geschmissen. daraufhin erfolgte eine weitere anzeige … und so könnte ich jetzt stundenlang weiteraufzählen. manchmal frag ich mich warum es so viele kinderhasser gibt …. und warum die dann auch noch so tun als seien sie nie jung gewesen …

  5. 4. Mai 2009 um 14:07

    Sie waren nicht zufällig auf der SEB-Sitzung der Schule meiner Tochter? Da geht es exakt genau so zu. Und ich fühle mich ganz genau so wie Sie – ich denke anders, ich bin anders.

    Herzliche Grüße,
    Nicole

    • nosupermom
      4. Mai 2009 um 17:58

      Tja…

      Es handelt sich um ein Gymnasium in einer kleinen Stadt nordöstlich von Frankfurt…

  6. 7. Mai 2009 um 17:52

    Gnarf. Da freue ich mich ja auf was.

    Ich gehöre auch zu den Leuten, die noch in Niedersachsen zur Orientierungsstufe gegangen sind und ich werde nie verstehen, warum man die abgeschafft hat. Wie kann man bei einem 10-Jährigen sicher beurteilen für welchen Abschluss er „geeignet“ ist (inklusive Unterlippe runterziehen und Zähne kontrollieren ob sie nicht abgefeilt wurden. Wie bei einem alten Gaul…).

    Das Problem ist Anea – Du lässt Deinen gesunden Menschenverstand eingeschaltet. Gib in nächstes Mal an der Türe ab und Du kannst prima mitreden…

    Grüßle
    Sushi

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